IM NAMEN RROSE SÉLAVY


Körperblüten von Doris Kuert

 

Rrose Sélavy ist das Pseudonym von Marcel Duchamp. Dieser dadaistische Künstler nominierte sich selber seit 1919 als Grande Dame konzeptueller Leistungsfähigkeit insofern, als dass er französische Phrasen wie „éros c’est la vie“ (Liebe er-leben) und „arroser la vie“ (aufs Leben an-stossen) heraufzubeschwören verstand. Er gab seiner Eigenkreation eine Gestalt, indem er sich weiblich schminkte und mit einer Pelzboa und Hut mit konstruktiv ornamentiertem Bandstreifen rundum verkleidete. Man Ray, sein Freund und Heros der Photographie, hat es aufgenommen, wie so des Künstlers eigener Körper ein Kunstwerk überschäumenden Lebensspasses anzieht.

 

Warum ist davon die Rede, wenn es doch um Doris Kuert geht? Nun, diese Photographin kommt Duchamps Prinzip einer Auswahl und Neukombination der Dinge und Verhältnisse nahe. Ihr Blick vereint ausgewählte Flora auf dem entblösten Frauenkörper, und es werden erstaunliche Beziehungen sichtbar gemacht. Jetzt könnte man einwenden, das ist doch nichts Neues. Ist es auch nicht, denn dieser Entwurf zitiert bereits antike Aufmerksamkeit. Man denke an Ovids Metamorphosen. Dort findet die Verwandlung der Frau in florale Erscheinung mannigfache Umsetzungen. Es ist üblich, dass man sich etwas einbildet oder vormacht. Das haben Ovid, Duchamp und Kuert gemeinsam. Hier liegt das Wesen der Kunst immer schon begründet.

 

Gestaltung ist beliebig und will doch immer nur eines: auffallen! Wenn Doris Kuert zierliche Blumen auf blühende Körper projiziert, so hat sie zweierlei Aufnahmen verwendet davon, was man allgemein als das schlechthin Schöne bezeichnet. Kraft solcher Auswahl wiederholt sie auf ihre Weise jenes altmeisterliche Wagnis einer Gratwanderung zwischen Klischee und Kulturverständnis. „Blüemlisex“ und „Aetiologie“ gleichermassen hatte schon Ovid evoziert mit der lyrischen Beschreibung der Verwandlung einer Frau zur Pflanze. Und wenn Duchamp Dame spielt, dann bewegt er sich bereits im Umfeld potentieller Schwangerschaft. So werden Welten möglich als künstlerische Wiedergabe der Wirklichkeit.

 

Die Körperblüten von Doris Kuert realisieren sich dergestalt, dass der Körper Blüten reflektiert. Diese Projektion verspricht Gedankengänge und Sprünge, Verweisungen, Uebersetzungen. Jetzt wird es reizend aufreizend. Auch Doris Kuert versucht plakative Gefälligkeit zugunsten ambivalenter Bedeutungsfelder aufzubrechen. Die leibliche Fläche wird zur Matrix einer natürlichen Entfaltung und verkörpert den Nährboden äusserst sinnlicher Bezüge. Im Antlitz des Körpers erzählen die Blüten von Orchideen, Anthurien, Amaryllen, Rudbeckien, Anemonen, Tulpen und Rosen unglaubliche Geschichten. Wenn beispielsweise #13 die Aufsicht einer Brust mit dem Kelch der Anemone überlagert wird, entsteht eine unglaubliche Poesie.

 

Erschütterer Anemone, / die Erde ist kalt, ist Nichts, / da murmelt deine Krone / ein Wort des Glaubens, des Lichts (…) So beginnt das Gedicht „Anemone“ von Gottfried Benn. So wirkt die Photographie von Doris Kuert. Eine Stimmung macht sich breit. Der Brustkorb füllt sich mit Eindrücken, schwer belastet oder leichten Sinnes atmend. Es geht ums Werden im Bewusstsein des Vergehens jeder Form von Schönheit. Das macht sie ja so begehrenswert.

 

Unverblümt wird die Vita femina erkannt, jene Vorstellung der Philosophen, dass über dem Leben ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten liege, verheissend, widerstrebend, schamhaft, spöttisch. Eine verrückte Einstellung gelingt im folgenden Werk #31 auch deshalb, weil die Krone einer Orchidee kopfüber auf dem weiblichen Unterleib abgebildet ist. Es handelt sich um den wildwachsenden Frauenschuh, aus dessen Mitte unverschämt die Scham prunkt. Dergestalt wird das Geschlecht in ein besseres Licht gerückt. Nicht nur das weibliche Geschlecht, auch das männliche zugleich. Denn hier lächelt der Grund des Lebens. Und hier tauscht sich Rrose Sélavy aufs Neue aus. Alter Sage gemäss ist Orchis (griech. „Hode“) der Sohn eines Satyrs und einer Nymphe gewesen, welcher durch das Rasen der Mänaden getötet und auf Geheiss der Götter in eine Pflanze verwandelt wurde, die fortan seinen Namen ausstrahlen möge. Der umgedrehte Schuh dieser Orchideenart macht sogar einen tollen Auftritt im Geist des Dadaismus (und Surrealismus als dessen Lebensverlängerungsmassnahme), indem er in den Bereich des Bauchnabels mündet. Dieser wiederum begründet eine neue Ansicht. Schon ist der Frauenschuh beäugt und schwänzelt wie ein Fisch im Becken rum. Ein hermaphroditisches Spektakel. Aufhebung der Gegensätze und Geschlechter. Wen wundert’s noch, wenn sich auch Hüftschwung und Perigonblätter zygomorph zueinander verhalten. Das Drama dieser Komik macht alle trunken nüchtern.

Arroser la vie!

 

Andreas Jahn, Germanist und Kulturvermittler, Langenthal

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